Die LVBS - Kolumne KW 46

dirk2017

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kopfnotengedanken – Anregung zur Diskussion

Das Thema Kopfnoten wird derzeit aktuell nicht nur im SMK Blog unter https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2019/11/06/was-halten-sie-von-kopfnoten/ behandelt. Da an unserer Schulart keine Kopfnoten auf Zeugnissen gebildet werden, haben wir dem Thema nicht die Aufmerksamkeit auf Verbandsebene zuteilwerden lassen und uns der aktuellen Mediendiskussion nicht angeschlossen. Jeder Berufsschulpädagoge hat aber auch dazu eine eigene persönliche Meinung, wenn es darum geht, Kopfnoten an anderen Schularten zu erteilen.
Fakt ist, dass Kopfnoten kein Zugangskriterium für die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung darstellen. Allein dem Ausbildungsbetrieb obliegt es, hier eine Wichtung bei der Bewerbung/Einstellung vorzunehmen. Durch eine sich anschließende Probezeit der Auszubildenden ist eine Auflösung des Lehrvertrages aber möglich und ermächtigt den Ausbildungsbetrieb bei Fehlverhalten, sei es in der Firma oder aber während des Berufsschulunterrichts, entsprechend zu reagieren. Das Berufsbildungsgesetz regelt im § 22 das Verfahren zur Kündigung innerhalb der Probezeit sowie auch danach. Innerhalb der Probezeit müssen nicht mal mehr Gründe genannt werden.
Insofern erübrigt sich hier schon eine Diskussion zur Erteilung von Kopfnoten an den Berufsbildenden Schulen aus der gesetzlichen Grundlage des Berufsbildungsgesetzes heraus.

Kopfnoten haben innerhalb der Ausbildung an einer Berufsschule keine Bedeutung, da die Auszubildenden Verträge mit den Ausbildungsfirmen geschlossen haben. Entsprechend erfolgt eine Rückmeldung von sozialen Kompetenzen aus dem schulischen Umfeld der Auszubildenden direkt an die Partner in den Firmen. Neben den schulischen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen können die Ausbildungsbetriebe entsprechende Maßnahmen (bis hin zur Kündigung des Ausbildungsvertrages) ergreifen.
Die Einschätzung und Rückmeldung von sozialen Kompetenzen der Auszubildenden erfolgen durch die Kolleginnen und Kollegen im Austausch mit dem dualen Partner.
Das Ziel der beruflichen Bildung besteht darin, berufliche Handlungskompetenz zu entwickeln. Dem eingeschlossen sind die Entwicklungen und Einschätzungen des Arbeits- und Sozialverhaltens. Beide Bereiche nun von der beruflichen Handlungskompetenz abzukoppeln und als weiteres unabhängiges Instrument einzufordern, stellt neben der redundanten Charakterisierung der Leistungen der Auszubildenden einen erheblichen zusätzlichen Zeitaufwand für die Kolleginnen und Kollegen dar, die im Blockunterricht 14tägig (in Summe zwölf Unterrichtswochen im Jahr) eine objektive und belastbare Einschätzung abgeben sollen. Die Kolleginnen und Kollegen betreuen meist drei Klassen – je Block eine in der Rolle als Klassenlehrer. Weiterhin würde konsequenterweise bei einer Abspaltung in „Kopfnoten“ die Beurteilungspraxis für die berufliche Handlungskompetenz es verlangen, die Bereiche des Arbeits- und Sozialverhaltens in einem neuen Kriterienkatalog auszuklammern. Sozialverhalten und Sozialkompetenz sind aber als Dimension in der beruflichen Handlungskompetenz Bestandteil und schwer trennbar.
Deshalb ist das Instrument der Kopfnoten in unserer Schulart obsolet. Sicherlich kann man gern über die Festlegungsbedingungen in den Schularten der allgemeinbildenden Schulen sprechen und diskutieren. Das sehen wir aber nicht als unsere Aufgabe an und beteiligen uns damit auch nicht an der öffentlichen Debatte.
Sicherlich, die späteren Arbeitgeber oder Ausbilder wollen und sollen nicht die „Katze im Sack kaufen“, vor allem, wenn künftig und jetzt schon auf soziale Kompetenzen immer mehr Wert gelegt werden soll.
Die Kolleginnen und Kollegen an den Berufsbildenden Schulen sind befähigt und seit vielen Jahren geübt, berufliche Handlungskompetenz einzuschätzen und zu beurteilen und in Kooperation mit dem Ausbildungsbetrieb zu agieren.

Andererseits hat ja jeder Pädagoge eine eigene Sichtweise auf die Erteilung von Kopfnoten. Und vielleicht sieht manche Lehrkraft mit dem Instrument Kopfnoten bei den vollzeitschulischen Unterrichtsgängen es durchaus als hilfreich an, um eben die Arbeits- und Sozialkompetenzen losgelöst von beruflicher Handlungskompetenz ausweisen zu können.

Bei beiden Ansätzen und Überlegungen zu pro und contra bleibt mir nur die gemeinsame Schnittmenge: Wir brauchen die „Kopfnoten“ nicht als Disziplinierungs- oder Druckmittel gegen unsere Schüler. Das ist pädagogisch unsinnig und falsch. Wichtiger erscheint mir über Konzepte der Förderung nachzudenken, mit dem Ziel das Arbeits- und Sozialverhalten positiv zu gestalten.

Herzlichst Ihr

Dirk Baumbach

  1. Vorsitzender