Gedanken zu den Wahlen und ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit

Heute Morgen hörte ich im Radio die rhetorische Frage: "Zerstören die neuen Medien die Demokratie?"

An der Basis der Gesellschaft erleben wir Lehrer alle tagtäglich und unmittelbar, wie neu zusammengestellte Klassen als erstes eine WhatsApp Gruppe einrichten, Schüler sich über ihre Profile im Internet "beschnuppern" und aktuelle Ereignisse wie Rempeleien im Schulhof oder andere Begebenheiten im Schulalltag ohne Zeitverzug die Runde machen - oft mit Foto oder Kurzfilm illustriert. Irgendein Schüler weiß immer, warum ein anderer heute zu spät oder gar nicht zum Unterricht erscheint, wie sich dessen Unfall ereignet hat oder an welcher Krankheit er gerade herumlaboriert. Wahr, halbwahr oder nicht wahr? Wir Lehrer wissen es meist zu deuten - kennen wir doch Absender und Intentionen der Schüler.

 

Global gesehen wird derzeit viel diskutiert über Fake News, alternative Wahrheiten oder zum "richtigen" Zeitpunkt bewusst gestreute Nachrichten um Börsenkurse oder Wahlen zu beeinflussen,  Politikerkarrieren zu beenden.  

Einige Journalisten wie auch Politiker beklagen, dass die vielen Internetkanäle, Influencer und Facebook - Selbstdarsteller unprofessionell arbeiten und damit die Wahrheit falsch darstellen würden.

Aber: Gibt es DIE Wahrheit? Ist es nicht in den allermeisten Fällen der Blickwinkel, der ein Ereignis so oder so aussehen lässt?

Ich finde es nicht schlimm, dass nahezu alle etablierten Parteien Beteiligung an Verlagshäusern, Zeitungen und Wochenzeitschriften haben. Und natürlich wird immer wieder versichert, dass diese Beteiligung keinen Einfluss auf den Inhalt der Zeitschriften habe. Aber die Frage sollte erlaubt sein, ob das wirklich so ist, so lange Chefposten von Eigentümern vergeben werden.

Beispiel gefällig?:

Die Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) gehören, wie auch die Leipziger Volkszeitung zu 100% der Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft mbH & Co.KG. Diese wiederum gehört zur Verlagsgesellschaft Madsack GmbH & Co. KG, deren größter Anteilseigner mit ca. 23 % die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH ist, die der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zu 100% gehört. Die SPD hält aber auch 40% der Anteile an der Sächsischen Zeitung und der Dresdner Morgenpost.

Dies ist nur ein Beispiel. Die SPD und auch viele andere Parteien haben weitere Anteile an vielen Verlagen und Herausgebern. Man kann es über das Internet herausbekommen. Aber ist es nicht wichtig, beim Lesen einer Zeitung immer wieder und unmittelbar die Information über die Beteiligungen einer politisch agierenden Partei zu bekommen? Im Impressum der DNN oder der Sächsischen Zeitung ist davon jedenfalls nichts zu finden. Auch wenn man sich die Schnittstellen von öffentlich rechtlichen Medien mit Regierenden und Politikbetrieb ansieht, sind aufkommende Zweifel bei dem Einen oder Anderen nachvollziehbar.

Bei "neuen" wie auch "alten" Medien ist es wichtig den Blickwinkel des Herausgebers zu kennen um sich eine Meinung, meine Wahrheit, bilden zu können. So wie wir die Informationen unserer Schüler aus deren Blickwinkel oft ausreichend gut interpretieren und werten können.

Warum aber bleiben Politiker bei dieser, jetzt einfach mal von mir unterstellten Marktmacht nicht cool und besinnen sich auf den guten Journalismus, den uns die Medienprofis versprechen?

Könnte es daran liegen, dass uns einige Politiker als Experten "verkauft" werden, denen man dieses Qualitätssiegel bereits nach einem kurzen Fachgespräch mit ruhigem Gewissen aberkennen kann?

Könnte es daran liegen, dass einige Politiker in aller Regel kurz nach Beendigung Ihrer Karriere als Minister oder Staatssekretär in äußerst gut dotierte Aufsichtsrats-, Berater-, oder Expertenkommissionsposten "fallen" oder einen gut dotierten Posten der Stadtwerke übernehmen, obwohl der Staat in aller Regel sehr gut für das "Überleben" dieser Menschen sorgt.

Könnte es daran liegen, dass das EU - Parlament zwar besseren Schutz von Whistleblowern beschließen möchte, die insbesondere über neue Medien zahlreiche Skandale öffentlich gemacht haben, sich das Justizministerium der Bundesrepublik (geführt von Katarina Barley) jedoch dagegen stellt?

Könnte es daran liegen, dass von einigen Politikern regelmäßig vor Wahlen die tollsten Versprechungen und Forderungen aufgestellt werden, bei denen sich viele verwundert die Augen reiben und sagen: "Aber warum habt ihr das in eurer letzten Amtszeit oder euren vielen vergangenen Regierungslegislaturen nicht längst erledigt?"

Könnte es daran liegen, dass über neue Medien jetzt Dinge bekannt werden, die über die herkömmlichen Wege nicht den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätten oder manch Gewohntes in ein anderes Licht rücken?

Nein liebe Kollegen, nicht die neuen Medien machen die Demokratie kaputt.

Es sind die vielen kleinen, manchmal leicht, oft jedoch schwer zu durchschauenden politischen Schachzüge, der Mix aus Information und Nichtinformation der uns von schwer durchschaubaren neuen und alten Quellen präsentiert und der zudem manchmal eben auch noch durch die neuen Medien präzisiert oder auch verfälscht wird. Es mangelt an dem über jeden Zweifel erhabenen Medium, welches frei von jeglichem Interesse Berichte verfasst.

Und - die kleinen, meist legalen Unehrlichkeiten einiger Akteure des gesellschaftlichen Lebens sind es, die bei manchem Bürger den unreflektierten Schluss aufkommen lassen: "Die sind doch alle gleich - denen glaube ich nichts mehr". Das zerstört das Vertrauen in unsere demokratische Grundordnung. Das zerstört unsere Demokratie.

Mir jedenfalls hilft ein offenes und ehrliches Auftreten meinen Schülern und Kollegen gegenüber, ein Denken und Handeln welches ich auch tatsächlich vertreten kann seit vielen Jahren durch den ganz sicher nicht einfachen Schulalltag.

Oliver Bergner