Der Einladung des SBB und der CDU-Fraktion des sächsischen Landtages zum 7. Schulpolitischen Forum folgten zahlreiche Vertreter der Verbände, Abgeordnete und weitere interessierte Gäste aus Wirtschaft, Elternschaft und Pädagogen am 21.03.2015 ins Radisson Blu Park Hotel nach Radebeul.

Im Grußwort der Sächsischen Kultusministerin Brunhild Kurth KMinlieferte diese eine Momentaufnahme der sächsischen Bildungslandschaft, indem sie auf die Bildungsempfehlung in der Grundschule im aktuellen Schuljahr einging, nach welcher fast die Hälfte der Viertklässler in Sachsen (47%) im kommenden Schuljahr ihren Weg an die Gymnasien finden werden. Weiterhin stellte sie fest, dass Schule fordernd sein müsse und zeigen solle, was man erreichen kann, wenn man leistungsbereit ist. Nicht der kurzfristige Spaß stehe im Vordergrund, Schule solle vielmehr auf ein anspruchsvolles und wechselhaftes Berufsleben vorbereiten. Die Aufgabe der Bildungspolitik sei es in diesem Zusammenhang, für Leistungsgerechtigkeit sorgen. Diese bildungspolitische Verantwortung zeige sich in Sachsen beispielsweise mit der Bildungsempfehlung, welche nicht dem alleinigen Willen der Eltern oberste Priorität beimisst, sondern dem fachlichen Urteil verantwortungsbewusster Pädagogen.
Neben der "Autobahn" - dem Weg über das Gymnasium nach der vierten Klasse - bietet sich eine weitere Möglichkeit der Qualifikation über Oberschule und berufliches Gymnasium. Auch in Sachsen zeige sich seit Jahren - wie bundesweit - der Trend zur Akademisierung, mehr und mehr Berufe würden auf einen akademischen Grad gehoben und die bundesweiten Zahlen belegen, dass reichlich die Hälfte der Schulabgänger eines Jahrgangs studiere. Deshalb müssten Betriebe die Ausbildung noch mehr zur Chefsache machen, auch das duale Studium müsse mehr in den Fokus rücken. Gymnasien bräuchten neben der Studien- auch eine bessere Berufsorientierung.
Im weiteren Verlauf ihres Referates äußerte die Kultusministerin, dass Schule nicht die Generalreperaturwerkstatt der Gesellschaft sei. Schule müsse den jungen Menschen ein klares Bild der beruflichen Anforderungen vermitteln und Frau Kurth schloss mit den Worten: "Ein erfolgreiches Bildungssystem braucht Stabilität und Sicherheit sowie Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit!"
Im Anschluss referierten Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Prof. Hans-Carl Jongebloed von der Universität Kiel zum Thema des diesjährigen Forums: "Bildungsgänge erfolgreich gestalten".
KrauUnter dem Titel "Differenziertes Schulwesen - Es gibt keine Sackgassen" formulierte Josef Kraus zehn Thesen, welche hier in verkürzter Form wiedergegeben werden sollen. Demnach sei die Einheitsschule bzw. Gesamtschule über Jahrzehnte erfolglos geblieben, würde aber in Deutschland dennoch wieder reanimiert. Man müsse entscheiden, ob mehr Freiheit oder mehr Gleichheit gewünscht werde. Nach seiner Auffassung sollte Schule an Freiheit bzw. Differenzierung orientiert sein. Egalitäre Schulpolitik erziele Gleichheit lediglich durch Absenkung des Anspruchsniveaus. Selektion sei zum demagogischen Kampfbegriff geworden, Auslese jedoch notwendige Voraussetzung für individuelle Förderung. "Wir brauchen schulische Vielfalt statt integrierte Einfalt." Weiter formulierte Kraus, dass in Deutschland ein Abiturwahn herrsche, mit dem eine Vernachlässigung des beruflichen Bildungswesens einher gehe. Die OECD habe in diesem Bereich vieles nicht verstanden, ein Abitur light sei kein Attest für eine Studierbefähigung. Viele Länder der Welt würden sehr gern auf ein System wie das der deutschen Berufsbildung zurückgreifen können, aktuelle Beispiele aus Europa bestätigen dies. In Deutschland hingegen, versuche man Gleichmacherei über Schule zu betreiben. Gewiss müsse Bildungspolitik gerecht - aber das heißt nicht gleich sein. Es handele sich lediglich um Gerede von der Ungleichheit des deutschen Schulwesens. Natürlich sollten alle Schüler gleiche Chancen erhalten, dies beinhalte jedoch keine "Abitur-Vollkasko-Versicherung". Das Deutsche Bildungswesen bietet eine ausgeprägte soziale Durchlässigkeit (entgegen anderer Behauptungen). Dabei müsse man jedoch wesentlich zwischen horizontaler Durchlässigkeit (funktioniere nur auf dem Papier) und vertikaler Durchlässigkeit unterscheiden. Die vertikale Durchlässigkeit sei wichtig und zeichnete Deutschland aus: "Es gibt keinen Abschluss ohne Anschluss." Die Bedeutung der Entscheidung der Bildungsempfehlung würde von vielen Eltern überbewertet (Helikoptereltern). Um dem Narzissmus der Eltern nicht zu widersprechen, würden zu viele Empfehlungen für das Gymnasium erteilt. Josef Kraus ist außerdem der Ansicht, dass vier Jahre Grundschule genügen, es zeige sich, dass deutsche Länder mit einer 6-jährigen Grundschule Schlusslichter im Pisa-Vergleich seien. Eine verlängerte Grundschulzeit verschiebe die Ausdifferenzierung in den Bereich der Pubertät. Eine schulische Differenzierung nach der vierten Klasse sei demnach sinnvoll und beruhe auf einem ausgewogenen und sachkundigen Urteil der Grundschullehrer, dabei besäßen insbesondere die Leistungen in Deutsch und Mathematik eine hohe prognostische Validität. Die Abschaffung verbindlicher Übertrittsempfehlungen verstärke soziale Ungerechtigkeit, wenn Eltern bestimmen dürften, verschärfe dies die sozialen Ungleichheiten in der Bildung. Die Länder müssten also (derzeit nur noch Bayern und Sachsen) Eignungsempfehlungen für den Zugang an das Gymnasium setzen, aber Eltern gleichzeitig besser über Möglichkeiten weiterer Bildungsgänge alternativ zum Gymnasium aufklären. Mit der Aussage "Wenn alle ein Abitur haben, hat keiner ein Abitur" brachte Josef Kraus abschließend sein Statement für eine Differenzierung im Bildungswesen und gegen eine angeblich gerechte Gesamtschule auf den Punkt.
Prof. Hans-Carl Jongebloed von der Universität Kiel legte in seinem Referat zum ThemaJongebloed "Übergänge im Schulsystem" in anschaulicher Weise dar, wie vielfältig die Wege in der deutschen Bildungslandschaft ausfallen können und welche herausgehobene Rolle dabei insbesondere dem System der beruflichen Bildung zukommt. Auch er kritisierte die alleinige Ausrichtung auf einen gymnasialen Bildungsweg, indem er der Frage: "Woher kommt es eigentlich, dass alle Menschen jetzt gern Abitur machen wollen?" nachging. Dabei stieß er sich insbesondere an den Begriffen "menschliche Ressource" und "Verwertungsfähigkeit" im Zusammenhang mit Bildung. Entscheidungen zur Bildungslaufbahn eines Kindes würden demnach häufig nach dem zu erwartenden "Marktwert" des Absolventen nach der Ausbildung getroffen. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen hob Prof. Jongebloed insbesondere die weltweit einmalige Struktur der Dualen Berufsbildung in Deutschland hervor. Das zugrundeliegende "komplementäre System" aus Erkenntnis (Schule) und Erfahrung (Betrieb) führe zu einer umfassenden beruflichen Bildung.
In sehr übersichtlicher Weise stellte der Referent die vier Säulen des deutschen Berufsbildungssystems dar und hob die besondere Stellung des Berufsschullehrers hervor, welcher aufgrund der Vielfalt dieses System gänzlich andere Anforderungen ausgesetzt ist, als ein Lehrer einer allgemeinbildenden Schule. Prof. Jongebloed äußerte sich ebenfalls kritisch zum Thema Inklusion, welche - so wie derzeit gehandhabt - nicht funktionieren könne.
Als Fazit seiner Ausführungen kann formuliert werden, dass er der beruflichen Bildung in Deutschland höchste Wertschätzung entgegenbringt und deren wichtige Rolle für die Durchlässigkeit des Systems herausstellt, demnach biete dieses System neben der beruflichen Ausbildung auch viele studienqualifizierende Möglichkeiten.
Während der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Frank Haubitz (Vorsitzender Philologenverband Sachsen), stellten sich die Teilnehmer Brunhild Kurth (Sächsisches Staatsministerium für Kultus), Josef Kraus (Präsident der Deutschen Lehrerverbandes), Prof. Hans-Carl Jongebloed (Universität Kiel, Lehrstuhl für Berufs- und Wirtschaftspädagogik), Jens Weichelt (Vorsitzender Sächsischer Lehrerverband), Torsten Köhler (Geschäftsführer Bildung, IHK Dresden) und Thomas Duckert (Stellvertretender Vorsitzender des Kreiselternrates Dresden) den Fragen des Auditoriums. Dabei wurde schnell deutlich, dass ganz konkrete Probleme wie die Frage nach dem Umgang mit der aktuell stark zunehmenden Zahl schulpflichtiger Migranten, der Beibehaltung der Schreibschrift oder der Sinnhaftigkeit des vor Jahren eingeführten Lernfeldunterrichts in der beruflichen Bildung allgemeine Fragen nach der Bildungsdebatte in Deutschland bei weitem überlagerten.
BienstIn seinem Schlusswort zur Veranstaltung hob Lothar Bienst (Bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages) die Erweiterung des Teilnehmerkreises des Schulpolitischen Forums positiv hervor und gab aus seiner Sicht einen Ausblick auf die Novellierung des Sächsischen Schulgesetzes, welches unter der Beteiligung aller Betroffenen zu einem zukunftsträchtigen Werk reifen soll.
Insgesamt kann ein positives Fazit der Veranstaltung gezogen werden, welche unterschiedliche Sichtweisen auf Differenzierung und Übergangsmöglichkeiten im deutschen Bildungswesen aufzeigte, die Rolle der beruflichen Bildung hervorhob und somit wesentlich zur fundierten Meinungsbildung beitragen konnte.

Torsten Friebel