Sparen kann auch teuer werden. Gedanken zur Neuordnung der berufsschulischen Ausbildungsstätten im Freistaat Sachsen (Teilschulnetzplan)

Der aktuelle, stark diskutierte Teilschulnetzplan soll unter anderem folgende Ziele erreichen:

- durch eine "effiziente Struktur" vorhandene finanzielle Mittel effektiver einsetzen und den Fachlehrermangel mildern

- den ländlichen Raum stärken

Bildung ist ein Grundpfeiler der Politik - der Wirtschafts- und Sozialpolitik.

 

Bildung bestimmt maßgeblich, wie die Zukunft eines Landes gesellschaftlich und wirtschaftlich aussehen wird. Sie bestimmt auch, wie wir zukünftig mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen umgehen werden (Resilienzfähigkeit).

Bildung kostet Geld
Ja, aber Bildung rechnet sich. Allerdings mittel bis langfristig (5 bis 20 Jahre). Es gibt zahlreiche Untersuchungen und Berechnungen die z.B. den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Bildungsleistung zweifelsfrei belegen[1].
Das Problem: die oben genannten Zeiträume nehmen nur wenige Politiker für sich in Anspruch - denken doch viele von ihnen in Wahlperioden (4 bis 5 Jahre).
Nun kann man nichts gegen Effizienz auf der Ausgabenseite haben. Jedoch

wer jetzt meint, dass eine wohnortnahe Beschulung teuer wäre, missachtet die Interessen nachfolgender Generationen, weil hier die Qualität der Ausbildung außer acht gelassen wird. "Kompetenzzentren" mit gut gefüllten Fachklassen (bis zu 32 Schüler) vs. wohnortnahe Beschulung mit Klassengrößen, die eben auch mal 10 bis 15 Schüler betragen können. Man muss kein praktizierender Lehrer sein, um zumindest zu ahnen, in welcher dieser Klassen der Lehrer Zeit und Möglichkeiten findet seinen Unterricht individuell auf seine Schüler "maßzuschneidern". 

Das die geplante effektivere Struktur zu Qualitätsverlussten führen muss, lässt sich also schwer vermeiden.

Wird sich damit das Problem fehlender Fachlehrer, insbesondere im gewerblich-technischen Bereich lösen lassen? Natürlich nicht. Es ist nur eine weitere Stufe der Mangelverwaltung. Einen Ausweg kann es nur über Veränderungen bei der auch weiterhin unbedingt notwendigen universitären Lehrerausbildung geben, flankiert von strukturellen und finanziellen Aussichten, die den scheinbar unattraktiven Lehrerberuf für gewerbliche und technische Berufsfelder für einen angehenden Ingenieur tatsächlich zur Alternative werden lassen. Wer malt sich für seine Zukunft gern aus 30 oder mehr pubertierende Schüler pro Unterrichtseinheit in einem für 25 Schüler gebauten Raum zu unterrichten, mit meist 3 verschiedenen Klassen an einem Tag, 1000 Unterrichtsstunden im Jahr mit einem Endgehalt, welches nicht selten dem Einstiegsgehalt in einer Konstruktionsabteilung bei Firmen wie z.B. BMW entspricht? Argumente die man oft von jungen Erwachsenen oder Studierenden hört, wenn man ihnen vorschlägt Berufsschullehrer zu werden.

Stärkung des "ländlichen Raumes"

Das ist durchaus ein richtiger Gedanke. Allerdings ist der Ansatz, mehrere Löcher zu eröffnen, um wenige zu schließen nicht der richtige Ansatz.

Der Zusammenhang zwischen Ausbildungsstätte und Fachkräftemangel ist vielerorts sichtbar. Man muss sich nur beispielhaft die Bewerberzahlen von Lehrern für den Schuldienst ansehen. Zufall, dass in und um die ausbildenden Universitäten herum kein Mangel an Bewerbern besteht, während dieser Mangel mit zunehmender Entfernung anwächst? Von erwachsenen Lehrämtlern könnte man eigentlich diese Mobilität erwarten. Sie ist aber nur begrenzt da. Wie soll das nun bei 15 bis 17 jährigen Jugendlichen funktionieren?

Dass es durch die Verlegung der berufsschulischen Ausbildung an einen entfernten Ort zu einer weiteren Verschärfung der Fachkräftesituation in schwierig zu besetzenden Berufen, z.B. des Baugewerbes oder des Bäckereihandwerks geben wird, ist absehbar.

Die Ausdünnung der Berufsausbildungsstätten für Berufe mit geringeren theoretischen Leistungsanforderungen stellt insbesondere für Jugendliche aus sozial schwächeren Familien, zum Teil bereits in der vierten Generation vom Jobcenter betreut, ohnehin physisch wie auch psychisch wenig mobil, eine nahezu unüberwindbare Hürde dar.
Für Schüler mit ungünstigen Ausgangsvoraussetzungen, die nicht selten und aus sehr unterschiedlichen Begründungen heraus ihren Ausbildungsberuf nach der zeitlich günstigsten Erreichbarkeit zu Fuß oder mit einem Bus auswählen, bedeutet die Verlegung der Ausbildungsstätte in den oder einen anderen ländlichen Raum eine weitere Verschärfung der Ausbildungsplatzsituation.

Die fünfte Generation lässt grüßen.

Oliver Bergner [07.2020]

 

 

[1] https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/199450/volkswirtschaft-und-bildung?type=galerie&show=image&i=199455