Vom 22./23.02.2013 trafen sich die Vorsitzenden der Lehrerbildungsausschüsse der Verbände des VLW in Fulda. Besonders interessant war ein Vortrag von Frau Prof. Dr. Evelyne Wittmann (Uni Bamberg) zum Thema:

Praxissemester in den Bundesländern
Seit jeher steht der Praxisbezug der ersten Phase der Lehrerausbildung in der Kritik. Im Zuge der Umstellung der Lehramtsprüfungsordnungen auf Ba/Ma (Bologna-Prozess) und der in nahezu allen Bundesländern eingeführten Verkürzung der Referendarzeit, sind einige Bundesländer dazu übergegangen das zu tun, was scheinbar auf der Hand liegt: Studenten in den Unterricht! Je mehr, umso besser!
Die Professorinnen Weyland und Wittmann haben die Modelle der Länder untersucht und dabei überraschende Ergebnisse präsentiert. Um die wichtigsten Punkte vorweg zu nehmen:
  • die Ziele der Praxisphasen sind generell nicht klar

  • die Praxisphasen sind in vielen Bundesländern nicht strukturell abgesichert.
Die in einigen Bundesländern geforderten Praxissemester sollen im Umfang von 20 bis 30 ECTS Punkten im 2. Semester der Masterstudienphase durchgeführt werden. Das entspricht einem Zeitumfang von 600 bis 900 Zeitstunden. Da sich das Studium natürlich nicht verlängern soll, kann dies von der Universität eigentlich nur zu Lasten wissenschaftlicher Inhalte angeboten werden. Die Studenten sollen bis zu 60(!) Unterrichtsstunden eigenverantwortlichen Unterricht leisten. Dadurch ergeben sich jedoch Fragen und Probleme, die offensichtlich vorab vom Verordnungsgeber in den meisten Ländern nicht bedacht oder billigend in Kauf genommen wurden:
  • Welchen theoretischen Erkenntnisgewinn hat der Student nach dem Praktikum erreicht?
  • Wie kann eine Einbettung der gewonnenen Erkenntnisse in fachdidaktische und erziehungswissenschaftliche Seminare gelingen?
  • Welche curriculare Konzeption soll dem Praktikum zu Grunde liegen? Also: Soll forschend gelernt werden? Was sollen Unterrichtsbeobachtungen leisten? Dient es der Berufswahlüberprüfung? Sind Kooperationen zwischen Universität und Berufsbildender Schule gewünscht? Usw.
  • Wie kann die divergente Erwartungshaltung der Beteiligten überwunden werden?
  • Wer trägt die Kosten für die Praktikumsbegleitung (Mentoren), die Koordination (HS, Berufsbildende Schule, Bildungsinstitut,…) und der Fortbildung der Mentoren und Universitätsdozenten?
  • Wie ist die rechtliche Situation, wenn es um die Verantwortung des vom Studenten erteilten Unterrichts geht? Kann man das von einem Lehrer bei der großen Anzahl vom Studenten zu absolvierenden Unterrichtsstunden) verlangen?
  • Welche Wirkung hinterlässt es beim Schüler, der sicher nicht über einen längeren Zeitraum als Versuchsobjekt dienen möchte?
Bisher wurde die Wirksamkeit der Praktika praktisch kaum evaluiert. Die wenigen vorliegenden empirischen Untersuchungen hinterfragen diese jedoch. Erste Berichte aus den Universitäten deuten nun zusätzlich darauf hin, dass die sich anschließende Universitätsausbildung, meist unter den Auswirkungen leidet. Befragte Studenten sahen es ganz praktisch: durften Sie im gewünschten Maße unterrichten, war es ein gutes Praktikum, durften sie nicht unterrichten ein schlechtes. Dabei fand ein subjektiver Kompetenzzuwachs statt, der aber von Experten als Selbstüberschätzung gewertet wird. Ein objektiver Kompetenzzuwachs konnte nicht gemessen werden auch, weil zu erreichende Kompetenzen nicht beschrieben werden und damit nicht eingefordert werden können. Was jedoch definitiv wächst, ist die Selbstwirksamkeit. Das bedeutet kurz gesagt, dass der Befragte das Gefühl hat, etwas zu beherrschen. Dies ist zwar auch nicht erklärtes Ziel der Praktikumsphasen, hat jedoch frappierende Auswirkungen. Sie führt zu einem Loyalitätskonflikt. Die befragten Studenten sagten im Anschluss aus, dass sie das Gefühl hätten, 75 % der vollen Kompetenz eines Lehrers erreicht zu haben. In diesem Zuge hinterfragen viele Studenten dann die Legitimität der Universitätsausbildung. „Wozu brauche ich die eigentlich?“ und „ Wozu dann noch das Referendariat?“

Der wissenschaftstheoretische Erkenntnisgewinn ist überschaubar. Wird an den Universitäten die (einzig offensichtliche) Erhöhung der Selbstwirksamkeit als zusätzlicher Faktor überhaupt erkannt oder brodelt er im Studenten zur Verleumdung der Wichtigkeit wissenschaftlicher Ausbildungsinhalte auf dem Weg zum Lehrer? Jeder Lehrer weiß, dass Wissenschaft den Unterricht nicht vermitteln kann. Unterricht entsteht immer im Augenblick der natürlich nicht vorab bestimmbar ist. Unterricht erfordert also Augenblickshandeln. Unterricht kann jedoch geplant, beobachtet und hinterher bewertet werden. Und dafür ist eine grundständige wissenschaftlich fundierte pädagogische und erziehungswissenschaftliche Ausbildung des Lehrers (neben der Fachwissenschaft) unabdingbar.Mnnlein-Wittman

Eine Frage die sich abschließend ergibt ist also: Soll ein Student von seinem Mentor so gut begleitet werden, dass er die Universitätsausbildung als überflüssig erachtet oder sollte man ihn nicht besser mit vielen Fragen und Problemstellungen an die Seminare entlassen?

Wie sieht es nun in Sachsen aus? Der Freistaat hat die Rolle rückwärts vollzogen und erneut die Staatsprüfung eingeführt. Die dazu gehörige neue Lehramtsprüfungs-ordnung LAPO I (2012) fordert als Zulassungsbedingung zur Ersten Staatsprüfung mindestens zwei Blockpraktika in der studienfreien Zeit und zwei Semester begleitende Praktika („schulpraktische Übungen“) im Umfang von insgesamt 25 ECTS Punkten. Dabei sollen 40 Stunden begleiteter Unterricht stattfinden, die durch einen Mentor nachgewiesen werden müssen.

Es ist also an der Zeit die bisher erkannten Mängel zu analysieren und die umfangreichen Praktikumszeiten sinnvoll zu nutzen. Man darf gespannt sein, wie sich die sächsischen Universitäten diesbezüglich positionieren und welche Ziele und genaue Struktur daraus entstehen werden.
Die komplette Untersuchung zum Download (pdf) unter:
Oliver Bergner
Ausschuss Lehrerbildung