von Oliver Bergner

Gemeinsame Konferenz BLBS – VLW im Rahmen der Didakta 2016 in Köln

Am 19. und 20.02.2016 trafen sich die Vertreter Lehrerbildungsausschüsse vieler Landesverbände, um ein Thema zu bearbeiten, welches in der momentanen Diskussion noch keinen adäquaten Raum einnimmt. Über zwei Impulsreferate wurden die Interessenten wissenschaftlich fundiert über den derzeitigen Stand des Begriffsverständnisses und der Lehrerbildung in diesem Bereich informiert.

Berufliche Arbeit 4.0

Prof. Dr. Martin Lang, TU Duisburg-Essen

Industrie 4.0 bezeichnet die  aktuelle industrielle Revolution. Es bilden sich cyberphysikalische Systeme. Gemeint ist: physikalische Objekte werden mit IT gekoppelt, also vom Fitnessarmband bis zu eigenständig kommunizierenden Fertigungssystemen. Auch spricht man von m2m (Machine to Machine).

Dieser Wandel hat Konsequenzen, insbesondere für die industrielle Facharbeit:

- Aufgabenprofile ändern sich (Facharbeiter übernehmen eher Überwachungsfunktionen)

- Berufe könnten verschwinden (vor allem für Geringqualifizierte).

Soziales und Kreatives werden jedoch der IT noch nicht zugetraut. Das birgt die größte Chance um wegfallende Tätigkeiten zu ersetzen. Jedoch, auch wenn neue Berufe entstehen, werden vor allem fertigungstechnische Berufe „verschwinden“.

Trotz einer insgesamt ungünstigen Entwicklung im Bereich der Demografie wird die Anzahl der Arbeitsplätze nahezu stabil bleiben. Es wird erwartet, dass zukünftig zu viele Akademiker ausgebildet werden und zu wenige Arbeitsplätze für Unqualifizierte zur Verfügung stehen werden. Für die klassische Berufsausbildung wird ein Mangel an Berufsschulabgängern prognostiziert.

Aktuelle gibt es jährlich mehr Studienanfänger als Anfänger in Berufsausbildung. Dem muss dringend gegengesteuert werden. Das heißt: die Stärkung der Berufsausbildung ist dringend geboten.

Fazit: Die qualifizierte Ausbildung an der Berufsschule wird immer wichtiger!

Lehrerbildungsforschung und –diskurs

Frau Prof. Eveline Wittmann, Lehrstuhl für Berufsausbildung TU München

Das Einheitsmodell der Lehrerbildung vs. spezifische Problemlagen im beruflichen Lehramt -

Berufsausbildung im Lichte der Digitalisierung (über alle Berufs- und Lebensbereiche)

In der Lehrerbildungsforschung wird das Thema (Industrie 4.0) derzeit nicht diskutiert!

Wie muss die Lehrerbildung reagieren? Was können die Lehrerbildungsverbände tun?

-          interdisziplinäres Denken (Technologie, Organisation, Mensch)

-          differenziertere Bildungsgänge – Höherqualifizierung, Akademisierung

-          Allgemeine Inhalte werden im schulischen Bereich liegen – Betriebe werden technologisch sensible Bereiche Vorantreiben (Betriebsgeheimnisse)

Aufgaben für die Lehrerbildungsforschung:

- Bessere Ausschöpfung der Mittel aus dem Programm Qualitätsoffensive (Bund) für die Ausbildung von Berufsschullehrern.

- Kompetenzmodellierung und Kompetenzmessung

- Fachdidaktische und methodische Veränderungen hinsichtlich Industrie 4.0

- Professionalisierungsdiskussion

- Zweifacher Theorie-Praxisbezug im beruflichen Lehramt also ist Praxiserfahrung für den Lehrer nötig? Das ist bisher nicht nachgewiesen.

- Alternative Qualifikationswege sind nötig (in By sind 50% der Metall und ET-Berufe Seiteneinsteiger)

Was ist dazu nötig:

- Ökonomische Mittel

- Politische Legitimation

- Öffentliche Meinung

Frau Prof. Wittmann stellte 7 Thesen zur Lehrerausbildung vor, die im Anschluss kontrovers diskutiert wurden. Thematisiert wurden insbesondere die Themen systematische Lehrerfortbildung, Lehrereinstellung, Fachwissen im Lehramt neu denken, die öffentliche Meinung durch Verbandsarbeit verändern.

Weitere Diskussionsbeiträge ergaben folgende Aussagen:

Das Berufliche Lehramt ist völlig unterrepräsentiert, deshalb gibt es eine wachsende Anzahl von Seiteneinsteigern. Zugleich wächst der Druck, die Berufsausbildung der Lehrer zu verkürzen. Damit besteht die Gefahr des Wegfalls der sinnvollen Praxisausbildung vor oder während der Lehrerausbildung. Die zunehmende Anzahl der Quereinstiege bedeutet eine Gefahr für die  grundständige Lehrerbildung weil der Eindruck entstehen kann, dass die grundständige Ausbildung überflüssig sei.

An Universitäten bestehen zunehmend Ressourcenprobleme, auch bei der reflexiven Begleitung der Praxissemester. Das duale Lehramtsstudium der TU-Dresden (Prof. Dr. Hartmann) wurde als in Deutschland einzige, „vorbildlich funktionierende Lehrerausbildung“  ganz ausdrücklich gelobt!

Oliver Bergner

Ausschuss Lehrerbildung [02.2016]