Die beruflichen Schulen stehen an der Spitze der Transformation im Schulsystem. Während Industrie 4.0 die Arbeitswelt in rasantem Tempo verändert, müssen die berufsbildenden Schulen diese Entwicklung pädagogisch, technisch und organisatorisch abbilden. Sie sind die einzige Schulart, die laut staatlicher Prognosen bis weit in die 2030er Jahre hinein wächst – und gleichzeitig die größten Veränderungslasten trägt.
Der LVBS Sachsen macht deshalb zum Start des neuen Schuljahres klar: Eine Schule 4.0 braucht politische Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen statt verhindern. Sie braucht Verlässlichkeit, moderne Ausstattung und eine Personalpolitik, die den steigenden Anforderungen gerecht wird. Nur dann können Lehrkräfte Antworten geben auf die Herausforderungen einer digitalisierten, vernetzten Arbeitswelt.
1. Lehrerbedarfsprognose – Realität anerkennen, Berufsbildung ernst nehmen
Die Prognose zeigt klar:
„An den berufsbildenden Schulen steigt die Schülerzahl bis 2033/34 an“ und gleichzeitig besteht „erhöhter Bedarf in Elektrotechnik, IT, Metall, Maschinen- und Bautechnik.“ Leider geht es nicht konkreter.
Das heißt:
Wir sind die einzige wachsende Schulart – und gleichzeitig die mit den größten Engpässen, deren Schulleitungen und Kollegien pragmatisch und lösungsorientiert statt problemorientiert arbeiten. Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren bis 2040 völlig neue Berufsbilder entstehen: in KI, Robotik, Energie und Gesundheit. Die Prognose bildet diese Dynamik nicht ab. Sie bleibt rückwärtsgewandt.
Unsere Forderung:
Eine echte Lehrerbedarfsprognose, die Transformation, neue Ausbildungsberufe und die demografische Welle zusammen denkt – nicht nur die Vergangenheit fortschreibt. Technologie entwickelt sich exponentiell. „Es braucht eine Entscheidung, die zur exponentiellen Welt passt.“ (Sven Gábor Jánszky, Europas bekanntester Zukunftsforscher).
2. Maßnahmenpaket 2025 – Umbau der Altersermäßigung als Vertrauensbruch
Das Maßnahmenpaket ist ein Notfallinstrument – aber kein Zukunftskonzept. Besonders der Umbau der Altersermäßigung trifft eine Generation, die bereits mehrfach „verloren“ hat:
Stundendeputatserhöhung der 90er, entgangene Verbeamtung, Zwangsteilzeit, nunmehr zwei Anpassungen der Altersermäßigung, Abordnungspraxis - schulartübergreifend und kaskadierend.
Die Verschiebung der Altersermäßigung auf 60 Jahre ist eine „spürbare Verschlechterung“ für ältere Lehrkräfte. Verständnis dafür gibt es nicht.
Für die Berufsbildung bedeutet das:
Die erfahrensten Kolleginnen und Kollegen – die wir für Transformation, Praxisnähe und Qualität dringend brauchen – werden länger belastet und früher ausfallen.
Unsere Forderung:
Rücknahme der Verschlechterung, echte Entlastung, Fort- und Weiterbildungskonzepte, Laufbahnqualifizierungen und ein Gesundheitsschutz, der diesen Namen verdient.
Zwei Jahre Gesundheitszirkel, Ergebnis: Handreichung mit Best Practise (Betriebliches Gesundheitsmanagement - Handlungsempfehlungen aus den Gesundheitszirkeln)
Zum Teil aufgenommen in Bildungsland 2030 „light“.
3. Abordnungspraxis – Flexibilität ja, Beliebigkeit nein
Die neuen Abordnungsgrundsätze erklären Abordnung zur „immanenten“ Pflicht des Beamtenverhältnisses.
Damit wird ein Ausnahmeinstrument zum Normalfall. Für berufsbildende Schulen heißt das:
- Fachkräfte in Engpassfächern werden aus funktionierenden Teams herausgerissen.
- Vergleichsgruppen bleiben intransparent.
- Personalräte sind nur bei Langzeitabordnungen beteiligt.
- Tarifbeschäftigte sind nur scheinbar geschützt.
Diese Praxis destabilisiert Schulstandorte, verschärft regionale Ungleichheiten und untergräbt Vertrauen.
Unsere Forderung:
Abordnungen auf echte Ausnahmefälle begrenzen, Freiwilligkeit, Transparenzpflichten einführen, Personalräte stärken und berufsbildende Schulen als prioritäre Engpass-Schulart schützen.
Fazit & Ausblick – Schule 4.0 braucht Verlässlichkeit, nicht Verschleiß
Wenn wir Schule 4.0 ernst meinen, dann brauchen wir:
- eine vorausschauende Personalstrategie statt kurzfristiger Kompensation,
- echte Entlastung statt Belastungsverschiebung, (Assistenzsysteme)
- stabile (multiprofessionelle) Teams statt rotierender Abordnungen,
- und eine Berufsbildung, die als Innovationsmotor anerkannt wird – nicht als Lückenbüßer.
Industrie 4.0 verlangt von uns, junge Menschen auf eine digitalisierte, vernetzte und sich ständig wandelnde Arbeitswelt vorzubereiten. Dafür brauchen wir Lehrkräfte, die gesund bleiben, Planungssicherheit haben und in ihrer Professionalität gestärkt werden.
Der LVBS steht bereit, diesen Weg konstruktiv mitzugestalten – auf Augenhöhe und mit klarer Priorität für die Menschen, die Schule 4.0 tragen sollen.